Logo GAW

Reformationstag in Gumbinnen/Gussew


Gedanken anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Wiederaufbaus der Salzburger Kirche in Gussew/Gumbinnen.

"Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt und eine gute Zeit in Russland." Mit diesen Worten verabschiedete mich auf meiner Hinfahrt nach Gussew/Gumbinnen ein Polizeibeamter bei einer nächtlichen Verkehrskontrolle in Insterburg/Tschernjachowsk, und er sollte recht behalten. Es war eine gute Zeit, es waren gute, ja zu Herzen gehende vier Tage, die die Gemeinde in Gussew den vielen Gästen aus nah und fern anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums der Salzburger Kirche geboten hat.

Den Einstieg machte eine filmerische Dokumentation der vergangenen zwanzig Jahre. Hier deutete sich schon das besondere Gemeindeprofil an, das sich wohl ohne die Salzburger Kirche nicht so hätte verwirklichen können. Die Kirche ist über die Jahre zu einem Begegnungs- und auch Versöhnungsort für Menschen aus Russland und Deutschland geworden, Menschen, deren Lebenswege durch die Schrecknisse des Krieges vor 70 Jahren die Themen Zerstörung, Flucht und Vertreibung gezeichnet sind. Diese Themen sind hintergründig immer da. Man bekommt das Gefühl, dass diese kleine Kirche alle diese Verlustgeschichten in sich birgt, dass sie hier gut aufgehoben sind und sie hier nicht verloren gehen. Die Salzburger Kirche gibt der Seele Raum, hier spürt man den göttlichen Trost und die Kraft göttlicher Versöhnung. Von diesem Standort aus gibt es viele gute Gründe zuversichtlich nach vorne zu blicken.

Am 31. Oktober feierte eine große Festgemeinde in einer mehr als vollen Kirche den Jubiläumsgottesdienst. Er wurde geleitet von Ortspastorin Elena Kurmischova. Propst Igor Ronge und Pastor Wladimir Michelis übernahmen Lesungen und Gebete. Bischof Dietrich Brauer hielt die Festpredigt. In seiner Predigt ging er auch auf die aktuellen Krisen in der Welt ein und betonte die Aufgabe der Kirche sich für den Frieden einzusetzen. Bischof Brauer dankte darüber hinaus allen, die sich am Aufbau und der Unterhaltung der Kirche in den letzten Jahren eingesetzt hatten.

Kirche in Gussew/Gumbinnen
Kirche in Gussew

Im Anschluss an den Gottesdienst gab es die Gelegenheit für Förderer und Freunde der Gemeinde zu Grußworten. Der Vorsitzende des Kirchengemeinderates, Wjatscheslav Wagner, hatte alle Hände voll zu tun, dass der Zeitrahmen einigermaßen eingehalten wurde. Es gab eben sehr viel Anlass zum Dank und zur Freude. Auch er selber dankte im Namen der Gemeinde allen Förderern über die zwanzig Jahre und den Spendern für ihre Hilfe zu Finanzierung der umfangreichen Arbeiten an der Kirche in diesem Jahr, die infolge aufgetretener Feuchtigkeit durchgeführt werden mussten.

Kirchengemeinde und die Diakonie in Gussew sind bekannt für ihre enorme Gastfreundschaft. So ging es nach dem Festgottesdienst über zum gemütlich-geselligen Teil. Die Mitarbeiterinnen der Diakonie und Gemeinde hatten dazu ein leckeres Buffett vorbereitet.

Das Programm, das Gemeindepastorin Elena Kurmischowa und Alexander Michel, Leiter des Diakoniezentrums, ausgearbeitet haben, enthielt Geistliches, Historisches und Kulturelles. Es gehörte dazu der Besuch des Schulgebäudes der ehemaligen Friedrichsschule mit dem nach seiner Restaurierung wieder sichtbaren Freskos in der Aula vom Empfang der Salzburger Glaubensflüchtlinge durch König Friedrich Wilhelm in ihrer neuen Heimat, die Besichtígung des Modells der Stadt Gumbinnen in den Ausmaßen des Jahres 1936 im neuen Museum und die Besichtigung der noch nicht fertiggestellten Orthodoxen Kirche an dem Ort wo bis 1945 die Altstädtische Kirche stand.

Neben den Gottesdiensten bietet die Kirche auch Raum für kulturerelle Veranstaltungen. Drei Chorkonzerte wurden in diesen Festtagen gegeben, zu denen die Chöre Kant, Credo und der Gemeindechor einluden.

Auflüge nach Trakehnen/Jasnaja Poljana, Tollmingkehmen/Tschisti Prudi und zum Carl Blum Haus in Malenuppen/Sadaroschje gaben den Gästen die Möglichkeit die Situation auf dem Land zu sehen.


Mit einem Gefühl großer Dankbarkeit und Freude trat ich nach dem Gottesdienst am Sonntag, bei dem ich die Liturgie übernehmen durfte und Pastor Gerald Kotsch (1994/95 Pastor in Gussew), der seinerzeit noch vor der Einweihung der Kirche 1995 den ersten Gottesdienst mit der Gemeinde in der noch nicht zu Ende gebauten Kirche feierte, die Predigt hielt, den Heimweg an. "Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt und eine gute Zeit in Russland."Die guten Wünsche des Verkehrspolizisten auf dem Hinweg hatten sich mehr als erfüllt.

Kirche in Gussew /Gumbinnen
Kirche in Gussew/Gumbinnen


Heye Osterwald