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Die Patentante, der Pastor und die neue Kirche in Michalovce

 
Pastor Werner Krutscher, Walsrode

Im Jahresheft des GAW 2008 wurde darauf hingewiesen, dass das GAW Nordelbien die Evangelische Gemeinde in Michalovce bei baulichen Arbeiten an ihrer Kirche unterstützt. Michalovce liegt im Südosten der Slowakei, nicht weit von der Grenze zu Ungarn entfernt. Meine Frau und ich waren dort zum Dienst von der EKD. Für mich war das der Grund, den Pastor in Michalovce besuchen, und die Kirche  zu sehen
Auf der Heimfahrt machten wir also einen kleinen Umweg, und in Michalovce angekommen merkten wir, dass es nicht leicht war, die Straße Frana Krala 7 zu finden, denn dort wohnt Pfr. Jan Menky in seinem Pastorat.  Wir fragten Passanten, sie erklärten uns in bestem Wohlwollen den Weg, begleiteten uns ein Stück des Weges.
Ich klingele am Hoftor, der Pastor kommt und bittet uns ins Pastorat. Wir sind zwar angemeldet, doch er ist auf  unseren Besuch nicht vorbereitet. Dennoch nimmt er sich Zeit für das Gespräch. Anschließend besuchen wir die Kirche, auch den „Wintergarten“ am Schloss, den die Gemeinde für ihre Jugendarbeit gekauft hat.  
 

Vor der Kirche, die nach zehnjähriger Bauzeit 2006 eingeweiht wurde, stehen Pfarrer Jan Menky und Irmtraud Krutscher

Vor der Kirche, die nach zehnjähriger Bauzeit 2006 eingeweiht wurde, stehen  Pfarrer Jan Menky und Irmtraud Krutscher


Jan Menky erzählte uns, dass die Lutherische Gemeinde nach dem 2. Weltkrieg  mit 40 – 60 Personen ihre Gottesdienste  im Wintergarten des Grafen feierte. Der Wintergarten gehörte zum Schloss, dessen Besitzer zum Beginn der kommunistischen Zeit  jedoch Schloss und Stadt verlassen musste. Seine Tochter wohnte weiterhin in der Stadt.
In der  kommenden Zeit planten die Christen den Bau ihrer Kirche auf dem Gelände beim   Wintergarten. Weil aber die Kommunisten den Kirchenbau verboten, musste die  Bauzeichnung unerledigt  zu den Akten gelegt werden. 
1989 kam Pfr. Jan Menky als erster Seelsorger in die Gemeinde. Seine Patentante hatte die Fäden für sein Kommen nach Michalovce gesponnen, wenn auch mit Tränen in den Augen, denn  die kleine Gemeinde  hatte weder einen eigenen Pastor noch eine Kirche. Pfr.  Jan Menky kam   und übernahm außerdem zwei oder drei Filialen. 
Die Patentante hat dann den Gemeindeaufbau unter der Leitung ihres Patensohnes miterlebt. Als der Neubau der Kirche geplant wurde, konnte er seine eigenen architektonischen Vorstellungen zur Geltung bringen. 1996 erfolgte der erste Spatenstich, doch  die Bauarbeiten zogen sich über viele Jahre hin, denn es mussten immer wieder  Spenden für die Bauarbeiten gesammelt werden. Nach zehnjähriger Bauzeit konnte die Kirche 2006 endlich eingeweiht.  Die festliche Einweihung erlebte die Patentante  noch mit, wenn auch als  schwerkranke Person, und wenig später starb sie.
Seitdem hat die Gemeinde ihre Kirche, in der sie miteinander Gottesdienste feiert  und andere Veranstaltungen erlebt. In naher Zukunft sollen die Räume für Kinder- und Jugendarbeit fertig   sein, ebenso der Leseraum innerhalb des Kirchengebäudes.
In seiner Verkündigung geht es Pfarrer Jan Menky um das Evangelium von Jesus Christus und die von Martin Luther genannten Leitsätze: „Allein aus Gnaden, allein durch den Glauben, allein durch die Schrift“. In der Gemeinde motiviert er die Mitglieder, mit ihren Gaben beim ständigen Gemeindeaufbau zu helfen und dabei hat er  auch bei Jugendlichen beste Erfolge. Inzwischen sind fünf junge Männer ins Theologiestudium gegangen, das sie zum Teil bereits abgeschlossen haben.  Das sollte nun reichen meint er, denn er möchte junge Männer auch in der eigenen Gemeinde behalten. Die Tochter arbeitet im Kindergottesdienst, seine Ehefrau ist Pastorin in der  Reformierten Kirche.
Mit Bedauern spricht er über Charismatiker, die  in der Umgebung für ihre Veranstaltungen werben und für einzelne Abspaltungen gesorgt haben. Doch seine Gemeinde bleibt lutherisch geprägt, erklärt er überzeugt.  Wenige Tage vor unserem Besuch hatte er beim  Studentenkongress im 50 km entfernten Kosice Vorträge gehalten, und zu den Besuchern  gehörten auch Jugendliche und Studenten  aus seiner Gemeinde.

Heute gehören  etwa 600 Personen zur Gemeinde in Michalovce, und  etwa 200 Besucher kommen in die sonntäglichen Gottesdienste. Junge und Alte feiern die Gottesdienste gemeinsam. Die junge Generation sitzt  oben auf der Empore auf gepolsterten Sesseln, die in einem Theater ausrangiert wurden.  Ein Mitglied  der Gemeinde hatte einen größeren Kredit zum Bauen gegeben, doch der ist der Gemeinde inzwischen geschenkt worden, um die noch fälligen Bauarbeiten voran zu bringen.

Der Kirchenraum ist zwar fertiggestellt, doch eine Orgel kann den Gesang in den Gottesdiensten noch nicht begleiten. Die  Nebenräume befinden sind  im Zustand des Rohbaus, zu denen die Teeküche gehört sowie der Veranstaltungsraum für Kinder mit Teeküche, Toiletten, Sakristei. Draußen soll später eine Tribüne gebaut werden für besondere kirchliche Veranstaltungen. Das Gelände rund um die Kirche ist leer und in unbearbeitetem Zustand, denn die Bauarbeiten haben bisher viel Geld und alle Kräfte beansprucht. Am Kircheneingang soll eine spezielle Auffahrt für Rollstuhlfahrer geschaffen werden. Das alles zeigt und beschreibt uns Pfarrer Jan Menky, und wir sehen, dass hier noch viel Arbeit zu leisten ist, und noch viel Geld  zusammen gelegt werden muss.
 
Von der Kirche fahren wir zum  Wintergarten, der unmittelbar neben dem Schloss liegt. Die Kirchengemeinde hat ihn vor etlichen  Jahren gekauft. Er soll  zu einem Missionsgebäude für Jugendarbeit umgebaut werden, ist in einem schlechten baulichen Zustand, und wenn Geld dafür vorhanden sein wird, kann die Bausubstanz in Ordnung gebracht werden, und die Räume können hergerichtet werden.


Pfr. Jan Menky vor dem Altar – auch die architektonische Gestaltung des Altarraumes hat er wesentlich mitbestimmt
Pfr. Jan Menky vor dem Altar – auch die architektonische Gestaltung des Altarraumes hat er wesentlich mitbestimmt

Wenige Schritte vom Wintergarten entfernt dröhnt der laute Straßenverkehr, viele junge Leute sitzen auf Bänken und warten auf irgendetwas, vielleicht auf den nächsten Bus. Für junge Leute von der Straße könnte der Wintergarten zu einer Oase der Einkehr werden, so plant es der Pastor. Die jungen Leute sind zum größten Teil Zigeuner - sie machen einen Großteil der Stadtbevölkerung aus. Vor dem letzten Krieg lebten 4.000 Juden bei insgesamt 12.000 Einwohnern in der Stadt, heute leben nur noch wenige Juden hier.
Als wir bei der Herfahrt in die Stadt kamen, waren uns viele junge und ältere Zigeuner  bei den Häusern aufgefallen. Als ich das dem Pastor erzählte antwortete er, inzwischen würden  von hundert Kindern 80 in Familien der Zigeuner geboren -  die restlichen 20 werden in den sonstigen Familien geboren.     
Bleibt noch zu sagen, dass die  Unterstützung  durch den Vorstand vom Gustav-Adolf-Werk in Nordelbien bei der Gemeinde in Michalovce in gute Hände gelegt ist. Mit dem Geld können zwar nicht alle noch fälligen Arbeiten gemacht werden, aber es hilft ihnen weiter, und zugleich ist es für die dortigen Christen in der Diaspora ein gutes Zeichen des Helfens  nach dem Pauluswort: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ Galater 6, Vers 2