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Ein feste Burg...


Erös var a mi istenünk – ein feste Burg ist unser Gott

oder

eine Schattenspringerin findet ihren Weg



 


Erös var a mi istenünk – ein feste Burg ist unser Gott, so steht es auf jeder lutherischen Kirche Ungarns. Und auch für mich als „Schattenspringerin“ ist dieser Satz ein Bekenntnis und ein Versprechen zugleich. Denn nach einem Jahr Auslandsvikariat in der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde Budapest verstehe ich dieses trutzige und doch hoffnungsvolle Lutherzitat besser als jemals zuvor. Dazu reicht ein Blick in die Geschichte „meiner“ Auslandsgemeinde.

 
Lutherische Burgkirche

Ungarische Burgkirche mit dem Satz Erös var a mi istenünk über der Tür

 

Nach der Gegenreformation war evangelische Frömmigkeit nahezu ausschließlich aus Ungarn verschwunden. Erst langsam ermöglichte die steigende Toleranz des Wiener Hofes die Gründungen von evangelischen Gemeinden. Dabei wurde peinlich genau auf die Trennung zwischen reformierten und lutherischen Traditionen geachtet. 1844 rief Erzherzogin Maria Dorothea die deutschsprachige Gemeinde auf dem Burgberg ins Leben. Maria Dorothea stammte aus dem pietistischen Württemberg und trug so den biblischen Gedanken der Erweckung zum Glauben in die Burggemeinde hinein, der auch nach ihrem Tod lange weiterwirkte. Während der ungarischen Freiheitskämpfe in der Mitte des 19. Jahrhunderts und der damit einhergehenden Magyarisierung wurde das Deutsche aus der Gemeinde und aus dem Gottesdienst verdrängt. Die deutsche Sprache wurde erst wieder nach 1945 eingeführt. Obwohl die Anzahl der deutschsprachigen Lutheraner durch die Vertreibung „klassenfeindlicher“ Familien in der kommunistischen Zeit stark zurückgegangen war, blieben einige deutschsprachige Familien in Buda.

So kam es, dass die Gemeinde ab 1950 eine deutschsprachige Bibelstunde ermöglichte. Die politischen Verhältnisse in Ungarn in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts ließen den Dienst an deutschsprachigen Menschen als gewagt und aufrührerisch erscheinen. Nichts desto trotz  setzten sich immer wieder Pfarrer für deutschsprachige Gottesdienste ein, so dass es lange vor der Gründung der EKD Auslandsgemeinde Budapest im Jahre 1993 eine deutsche Gemeinde gab. Gott hat sich in diesem speziellen Fall als „feste Burg“ erwiesen, die Christinnen und Christen in schweren Zeiten Zuflucht und schützende Mauern schenkt.

Auch heute zeigt die Deutschsprachige Evangelische Gemeinde Budapest, dass Gott Schutz und Hilfe bietet, denn die Arbeit der Gemeinde und damit auch meine Arbeit umfasst neben allgemeinen pastoralen Handlungsfeldern wie Gottesdienst, Bibelstunden für junge und ältere Menschen, Frauengesprächsabend auch die Gefängnisseelsorge und die Linderung von konkreten sozialen Nöten.

Ein feste Burg ist unser Gott. Ein Lied, das eher für Erwachsene als für Kinder geeignet zu sein scheint. Doch der Inhalt ist altersunabhängig. Es scheint mir vielmehr so, dass gerade die Kinder im Ausland Halt und Geborgenheit, eben so etwas wie eine feste Burg suchen. Diese Erfahrung machte ich bei der von mir ins Leben gerufenen Jungschararbeit. Dieses christliche, konfessionsunabhängige Angebot im Rahmen der Nachmittagsbetreuung der deutschen Grundschule zog gerade die Kinder an, die in keiner Gemeinde eingebunden sind. Wir hörten zusammen biblische Geschichten, sangen Bewegungslieder, bastelten, malten, spielten oder kneteten mit „Fimo“. Besonders viel Freude bereitete den Kindern und mir die Probe zu einem Krippenspiel, das im Rahmen des ökumenischen Weihnachtsgottesdienstes der Grundschule aufgeführt wurde. Für viele Eltern und Kinder wurde dieser Gottesdienst, der in einer katholischen Kirche gefeiert wurde, zu einer der ersten Begegnungen mit Kirche und christlichem Glauben überhaupt.


 Kinder der Jungschar

Kinder der Jungschar mit Stefanie Porr (rechts) vor dem Krippenspiel

 

Aber auch andere christliche Gemeinden bauen in Gottes Namen Burgen für Menschen, die auf tätige Nächstenliebe angewiesen sind. Im Rahmen meines Auslandsjahres traf ich die Leiterin (General) der Heilsarmee Ungarn und besuchte mit ihr drei ihrer Häuser in Budapest. Im größten Heim wohnen 120 obdachlose Männer. Dieses Heim steht in einem der ärmsten Bezirke Budapests (8. Bezirk), so dass es hier täglich auch eine Essensausgabe für Bedürftige gibt. Daneben werden zweimal pro Woche 500 Suppen im Ostbahnhof (keleti palyaudvar) von Mitgliedern der Heilsarmee ausgeteilt. Des weiteren unterhält die Heilsarmee ein Wohnheim für obdachlose Frauen. In den bescheidenen Zimmern sind drei bis vier Frauen untergebracht. Sie teilen sich die Küche, das Bad und haben die Möglichkeit zu waschen. Im dritten Heim wohnen alleinerziehende Mütter, die teilweise vor ihren gewalttätigen Männern geschützt werden müssen. Darum wird der Ort dieses Hauses geheim gehalten. Selbst die Polizei kennt die Adresse nicht. So versucht die Heilsarmee, die Anonymität für die Frauen mit ihren Kindern zu gewährleisten und ihnen wortwörtlich eine „feste Burg“ zu bauen.

Nach einem Jahr Auslandsvikariat in der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde Budapest komme ich sehr reich an Erfahrungen zurück nach Nordelbien. Während dieser Zeit habe ich als „Schattenspringerin“ meinen Weg gefunden. Denn bei aller Dunkelheit und Schwere, die es in Ungarn zu entdecken gibt, bin ich immer wieder Menschen begegnet, die genau in den schwärzesten Schatten die „feste Burg“ Gottes bauen. Das „die Welt umspannende Christentum“ ist für mich nun nicht länger eine theoretische Größe oder eine theologische Richtigkeit. Stattdessen verbinde ich damit nun Persönlichkeiten, die mich bewegt und beeindruckt haben.

So bleibt mir nur noch, den Mitgliedern des Gustav-Adolf-Werkes meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Denn durch die finanzielle Unterstützung haben Sie mir diesen Auslandsaufenthalt ermöglicht. Gott segne Sie und Ihre Arbeit!


Stefanie Porr