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Licht und Schatten in Budapest


Eine Schattenspringerin sucht ihren Weg

Überwältigend schön thront die Burg in Budapest über der Stadt. Wie wohl alle Touristen hat auch mich dieses Bild vergangenen Sommer so in seinen Bann gezogen, dass ich gern für ein Jahr in der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde (EKD-Auslandsgemeinde) als Auslandsvikarin arbeiten wollte.

 Seit 5 Monaten lebe ich nun in einer der schönsten Kulturhauptstädte Europas. Doch bei all dem Schönen, Spannenden und Wundervollen, was es an der Arbeit und in der Stadt zu entdecken gibt, werde ich auch mehr und mehr mit den Schattenseiten des Lebens hier vor Ort konfrontiert.
Doch erst mal der Reihe nach.


Budapester Burg


Zu den hellen, fröhlichen Seiten meiner Arbeit gehört vor allem die Arbeit in und mit der Gemeinde.
Als ordinierte Pastorin der Nordelbischen Kirche arbeite ich sehr kollegial mit dem hiesigen Leiter der Gemeinde, EKD-Auslandspfarrer Andreas Wellmer, zusammen. Er, seine Frau und auch die Gemeinde haben mich offen, herzlich und interessiert aufgenommen. Schnell tauchte ich in das helle und fröhliche Licht ein, was in unserer Gemeinde herrscht. Die Gottesdienste sind recht gut besucht und werden vor allem von Familien mit Kindern als Möglichkeit wahrgenommen, ein Stück Heimat im Ausland zu finden. Da das Erlernen der Sprache in der Tat sehr schwer ist, ist jeder und jede froh, sich in einem deutschsprachigen Kontext bewegen zu können. Spätestens während des gerne angenommen Kirchkaffees werden erste Kontakte geknüpft, erste Fragen gestellt und Gemeinsamkeiten in der Biographie festgestellt, was das „Ankommen“ beschleunigt. Dieses ist wichtig, denn die meisten Gemeindemitglieder sind nur für zwei bis maximal vier Jahre von ihren deutschen Firmen nach Budapest entsandt worden. So bleibt nicht viel Zeit für eine ausgedehnte Eingewöhnungsphase. Dem entsprechend habe auch ich mich sehr schnell zu Hause gefühlt. Nicht zu letzt, weil sich die „alten Hase“ der Gemeinde, die vielleicht auch erst zwei Monate in Budapest waren, geduldig meine ersten Eindrücke anhörten. Auch Fragen wie: „Zu welchem Arzt kann ich gehen, der mich versteht?“, „Wo gehe ich am besten einkaufen?“ oder „Wie überweise ich eigentlich meine Rechnungen?“, wurden mir fachkundig beantwortet. Als sich für mich der Alltag und der Besuch der Sprachschule eingespielt hatten, konnte ich mich voller Elan an der Gemeindearbeit beteiligen, die ausnahmslos auf Deutsch stattfindet.

So habe ich einen Frauengesprächsabend und eine Jungschararbeit für Schülerinnen und Schüler der deutschen Grundschule ins Leben gerufen. Des Weiteren unterrichte ich das Fach „Evangelische Religion“ am deutschen Thomas-Mann-Gymnasium, mache Gemeindebesuche, leite abwechselnd mit Pfarrer Wellmer den Bibelgesprächskreis für Senioren und für junge Erwachsene. Um die Gemeinschaft innerhalb der Gemeinde zu stärken, fuhren wir mit 30 Kindern und Erwachsenen für ein Wochenende an den Valencer See und machten mit jungen Erwachsenen einen Ausflug in die Berge von Budapest. Selbstverständlich feiere ich auch regelmäßig Gottesdienste. Diese finden in einer Kapelle, die der Lutherischen Burggemeinde gehört, statt. Die räumliche Nähe zu einer ungarischen

Gemeinde ermöglicht der deutschsprachigen Gemeinde einen partnerschaftlichen Kontakt zur Lutherischen Kirche in Ungarn (LKU) und bietet mir die Möglichkeit, diese kennen zu lernen. Hier begegnete mir dann auch eine dunklere Seite Ungarns. Denn die Situation der ungarischen Lutheraner ist alles andere als sonnig.


Junge Erwachsene in den Bergen Budapests
Junge Erwachsene in den Bergen Budapests

Lediglich 3% aller Ungarn (300.000 Menschen) gehören nach der letzten Volkszählung im Jahre 2001 der Lutherischen Kirche in Ungarn an. Der weitaus größte Teil in der Bevölkerung ist katholisch (52%). Die reformierte Kirche zählt 17% aller Ungarn zu ihren Mitgliedern. Weitere 3% gehören Freikirchen oder der orthodoxen Kirche an. Wie nicht anders zu erwarten, hatten es alle christlichen Kirchen in der Zeit des Kommunismus schwer, ihre Arbeit evangeliumsgemäß durchzuführen. So durfte es nur versteckte Jugendarbeit geben und auch kirchliche Schulen, Gebäude und Pflegeeinrichtungen wurden geschlossen bzw. verstaatlicht. Nach der politischen Wende 1989 erhielten die Kirchen ihre Gebäude zurück. Es wurden auch Entschädigungen gezahlt. Doch das Loch, das die antikirchliche Propaganda und die Vertreibung Deutschstämmiger nach dem 2. Weltkrieg (hauptsächlich deutsche Lutheraner), riss, ist bis heute nicht gestopft. So kämpft die kleine lutherische Kirche mehr oder weniger um ihr Überleben. Hilfe vom Staat oder gar von der größeren Reformierten Kirche in Ungarn ist nicht zu erwarten. Denn in Ungarn werden die Unterschiede zwischen den beiden evangelischen Kirchen stärker betont als in Deutschland. Wo Schatten ist, da muss es auch Licht geben. Und so freut es mich sehr, dass nicht nur der Lutherische Weltbund sondern auch das Gustav-Adolf-Werk die Evangelische Theologische Universität in Budapest und die LKU z.B. mit Bücherspenden bereits in der Zeit vor 1989 unterstützte.
Weil ich nicht nur im Licht der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde Budapest arbeiten will, suche ich bewusst die Orte auf, die trotz des warmen Wetters hier, alles andere als von der Sonne verwöhnt sind. Solche recht schattigen Orte sind die ungarischen Gefängnisse. Durchschnittlich 12-16 Menschen leben in einer Zelle. Besonders hart ist die Situation für deutschsprachige Häftlinge, da sie meist bei der Durchreise in Ungarn festgenommen wurden. Dem zufolge sprechen sie nahezu kein Wort ungarisch.



Lutherische Burgkirche
Lutherische Burgkirche. Am linken Seiteneingang befindet sich unsere Kapelle

Ihre Kontaktmöglichkeiten beschränken sich auf wenige Telefonate und auf den Kontakt mit ihrem Anwalt oder mit der Botschaft. Sie sitzen teilweise monatelang von ihren Familien abgeschnitten in Untersuchungshaft. Da in Ungarn die Familienbande sehr stark sind, bekommen ungarische Häftlinge regelmäßig Besuch und Pakete von ihren Angehörigen, so dass ihre Versorgung auf diese Weise aufgebessert wird. Leider erleben das die deutschen Häftlinge nur allzu selten. Der Weg für einen einstündigen Besuch ist vielen Angehörigen zu kostspielig und zu lang.
So ist es für die meisten deutschsprachigen Häftlinge eine willkommene Abwechselung, wenn Pfarrer Wellmer oder ich sie besuche, zumal wir Tüten voller Lebensmittel oder Hygieneartikel mitbringen. Wir leisten neben seelsorgerlicher Betreuung auch ganz praktische Hilfe. Da wird Kontakt zur Botschaft aufgenommen, um vielleicht kleine Hafterleichterungen zu bewirken.
Hier wird der telefonische Kontakt zu der Familie eines Häftlings aufgenommen, wenn das Geld im Gefängnis nicht mehr für die Telefonate reicht. Dort wird ein neuer Anwalt vermittelt, weil der Pflichtverteidiger sich kaum sprachlich mit seinem Mandanten verständigen konnte. In der Gefängnisseelsorge arbeiten wir sehr partnerschaftlich und gut ökumenisch mit den dortigen Gefängnispfarrern zusammen. An der Basis der christlichen Arbeit spielt es keine Rolle, welcher Konfession jemand angehört. So profitiere ich sehr von den Erfahrungen und Ratschlägen der reformierten Pfarrer vor Ort.
In Ungarn muss man jedoch gar nicht erst Gefängnisse besuchen, um der dunkelsten Seite des Lebens zu begegnen. Die steigende Armut ist auf den Plätzen und Straßen gut sichtbar. Die Gemeinde versucht, hier ganz konkret Not zu lindern, indem sie beispielsweise Spenden sammelt. Dies ist gerade für eine ungarische Frau geschehen, die allein erziehende Mutter ist. Da sie trotz zwei (!) Arbeitsstellen nicht genug verdienen kann, um die Miete, Lebensmittel, Strom und Gas zu bezahlen, lebt sie mit ihrem Sohn in einem Frauenwohnheim. Hier teilt sie sich das 12 m2 große Zimmer mit einer anderen Frau sowie mit deren zwei Kindern. In diesem Heim gibt es für insgesamt 40 Frauen und Kinder zwei Waschräume und eine Küche. Da jedoch jede Familie hier nur eineinhalb Jahre leben darf, muss die Frau schnellstens eine Wohnung finden. Ansonsten wird ihr Sohn in ein Heim gebracht und sie landet auf der Straße. Um nun eine Sozialwohnung zu bekommen, muss sie mindestens das Geld für zwei Jahresmieten im Voraus bezahlen. Bei ihrem geringen Einkommen ist das nicht zu schaffen. Darum greift ihr sowohl die baptistische als auch die deutschsprachige Gemeinde finanziell unter die Arme. Auch dieses Bespiel zeigt, wie ökumenische Zusammenarbeit, jenseits der theologischen Diskussion, aussehen kann.
Nur blitzlichtartig konnte ich in diesem Bericht meine Arbeit vorstellen. Ich bezeichne mich selbst als Schattenspringerin, weil ich in der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde Budapest viele schöne, helle und lichte Erfahrungen sammle. Doch ich suche ebenso die Schattenseiten dieses Landes und dieser Stadt. Denn auf diese Weise kann ich mit einem abgerundeten Bild, bestehend aus hellen und dunklen Farben, in sechs Monaten wieder in Nordelbien ankommen.

Pastorin Stefanie Porr
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