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Dorpat

  
Nach 66 Jahren: Ein Studienbericht aus Dorpat/Estland  
 
Unser Ehrenmitglied Pastor i.R. Kurt Segebrecht durfte im vergangenen Jahr sein 90. Lebensjahr vollenden. Pastor Volkmar Weide hat im Namen des Vorstandes Schleswig-Holstein die Glück- und Segenswünsche überbracht und dem Jubilar zugleich für seine jahrzehntelange Treue zum Gustav-Adolf-Werk und seinem Dienst in den Diasporagemeinden sowie im Vorstand des GAW gedankt.
Da ich es nicht für angemessen hielt, diese Erinnerungen zu kürzen bzw. nur Ausschnitte zu übernehmen, lege ich Ihnen das ungekürzte Manuskript vor.  
Uwe Haberland  

Bevor ich dorthin kam, geschah vieles.
Im Jahr 1933 wurde Adolf Hitler von Hindenburg als Reichskanzler eingesetzt. In demselben Jahr machte ich noch unter der alten Zusammensetzung der Prüfungskommission, deren Leiter bald danach als Sozialdemokrat und Jude abgesetzt wurde, mein Abitur. Während der Fackelzüge zur Machtergreifung, die meine Eltern und ich hinter den Gardinen verborgen beobachteten, sagte meine Mutter: „Das bedeutet Krieg.“ Sie sollte recht behalten. Doch vorläufig lief unser Leben fast ungestört weiter. Ich ließ mich in der Theologischen Fakultät in Greifswald immatrikulieren. Diese Universität lag nahe bei meiner Geburtsstadt Putbus auf Rügen. In Greifswald war ich für meine Eltern leicht erreichbar und außerdem konnte ich mit dem Dampfer nach kurzer Fahrt über den rügenschen Bodden nach Klein-Zicker kommen, wo meine Großmutter wohnte. Dort verbrachten meine Eltern meist ihre Sommerferien. Meine Großmutter, die sehr fromm war, war begeistert über die Wahl meines Studienfaches. Meine Kommilitonen dagegen studierten meist Medizin und so konnte es nicht ausbleiben, dass ich auch in diese Fakultät hineinroch. Allerdings war ich dann enttäuscht über das Knochenzählen und Sezieren. Auch die Studentenstreiche – einmal lag eine Schlange in meinem Bett – stießen mich ab.
Die Studentenverbindungen waren beherrschend. Sie versuchten mich zum Eintritt zu bewegen. Auch die Studenten-SA machte mir das Leben in der Hansestadt schwer. Ich sehnte mich danach, diese kleine Universitätsstadt verlassen zu können, obwohl ich sehr gute Professoren hatte, mit denen ich auch persönlichen Umgang in ihren Wohnungen hatte. Am liebsten wäre ich nach Tübingen gegangen, wo die Exegese der Bibel im Vordergrund stand. Auch Erlangen hätte ich gern kennen gelernt, weil dort orthodoxe Professoren lehrten. Schließlich wäre ich auch mit Leipzig zufrieden gewesen; denn diese Stadt bildet ihre Leute, wie Goethe in seiner Jugendzeit geschrieben hat: „Mein Leipzig lob ich mir, es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.“ Vor allem meine Mutter war eine Verehrerin Goethes. Ich hoffte, sie würde mir erlauben, wenigstens dort zu studieren. Sie wollte mich immer in ihrer Nähe haben, weshalb ich weder nach Tübingen noch nach Erlangen durfte. Sogar Leipzig lehnte sie ab, weil sie, wenn sie mich dort besuchen wollte, in Berlin umsteigen musste. So kam es, dass ich nach Berlin kam, wo ich für meine Eltern durch die direkte Zugverbindung leicht erreichbar war.
Ich wohnte dort bei einer jüdischen Wirtin, die sich aufopfernd und fürsorglich für mich einsetzte, besonders als ich einmal schwer erkrankt war. Unter mein Bett stellte sie eine Wanne mit Wasser in der Hoffnung, die Krankheit würde dorthin abziehen.
Sie hatte einen ebenfalls jüdischen Arzt mit meiner Behandlung beauftragt, dem es gelang, mich bald wieder herzustellen. Als mein Vater mich an meinem Krankenbett in Berlin besuchte, bedauerte er, dass er als Beamter einen jüdischen Arzt nicht beschäftigen konnte ohne selbst belastet zu werden. Doch das ereignete sich erst am Ende meines Studiums an der Humboldt-Universität.
Meine Interessen waren vielfältig, denn nicht umsonst heißt die Anstalt universitas litterarum. Auf Wunsch meines Vaters nahm ich an einer Kanzel-Redner-Schulung von Professor Drach teil, denn gerade er legte auf korrekte Aussprache großen Wert.
Auf den Spuren meiner Mutter nahm ich sogar nebenbei Schauspielunterricht. Das Ergebnis war für mich niederschmetternd. „Sie eignen sich nicht als ernsthafter Schauspieler. Aber als Buffo und Spaßmacher sind Sie ausgezeichnet.“
Auf meine Frage, wie man das macht, die Menschen zum Lachen zu bringen, antwortete man mir: „Geben Sie sich einfach so, wie Sie sind, dann lachen schon alle Leute.“
Als Theologiestudent interessierte ich mich aber nur für die ernsten Rollen, weshalb ich den Schauspielunterricht abbrach.
Auch am Boxen, das uns vorgeschrieben wurde, nahm ich nicht teil, obwohl oder gerade weil ich mit Max Schmeling persönlich bekannt war. Diese Kampfart erschien mir einfach zu hart. Statt dessen nahm ich in mehreren Semestern Schwimmunterricht, obwohl ich schon seit meinem vierten Lebensjahr schwimmen konnte. Beim Volkstanz, an dem ich als Ausweichmöglichkeit mitmachte, lernte ich viele nette Mädchen kennen, die meist Philologie studierten.
Nicht ausschließen konnte ich mich von der vorgeschriebenen Rassenkunde. Häufig musste ich deswegen zur technischen Hochschule nach Charlottenburg fahren. Es wurde scharf kontrolliert, ob man auch wirklich daran teilnahm. Ich versuchte, mir einfach die Ohren zu verstopfen, um diesen Quatsch nicht hören zu müssen. Einer meiner Kommilitonen, der halb jüdischer „Abstammung“ war, wurde öffentlich als „Idealfigur des nordischen Menschen“ dargestellt.
Trotz all dieser Belastungen studierte ich eifrig in meinem Fach. Besonders gern besuchte ich die neutestamentalichen Seminare von Dietrich Bonhoeffer, mit dem mich persönliche Beziehungen verbanden. Doch bald wurde der junge Privatdozent von der Humboldt-Universität entlassen, weil seine Einstellung nicht mit der herrschenden Ideologie übereinstimmte. Er unterrichtete dann weiter an der kirchlichen Akademie. In seinem Seminar und vor allem danach sprachen wir offen über unsere politische Einstellung.
Ähnliches erlebte ich mit meinem Professor, der Psychoanalyse lehrte. Dieser Wissenschaftszweig wurde von der Obrigkeit verboten, angeblich weil Freud und Adler Juden waren. Mein Professor Gruen musste seine Professur in Berlin aufgeben und unterrichtete weiter an der Universität in Dorpat in Estland. In seiner Nachfolge bin ich auch nach Dorpat gekommen, doch der Weg dorthin war sehr schwierig.
Vorher versuchte ich vergeblich, in der Schweiz weiter studieren zu dürfen, wo ich Adler zu treffen hoffte. Doch es war streng verboten, in die Schweiz auszuweichen. Weil man sich in England viel mit Freud und Adler beschäftigte, versuchte ich auch dorthin zu gelangen, doch dies war ebenfalls nicht möglich. Nur noch in den östlichen Ländern durften wir studieren, wozu allerdings auch mancherlei Hindernisse überwunden werden mussten.
Vor der Ausreise in den Osten war eine Schulung vorgeschrieben, in der wir „auf Vordermann“ gebracht werden sollten, um für den Nationalsozialismus zu werben. In Insterburg wollte man uns deshalb als NS-Propagandisten ausbilden. Das traf sich insofern ganz gut, als auch dort die Evangelische Kirche interessiert war, Pastoren auszubilden, die in Russland eingesetzt werden sollten, sobald es die Kommunisten erlaubten. Es handelte sich um die so genannte „Russlandreserve“. Dafür sollte ich in Dorpat Russisch lernen. Über Anfänge in der Sprache bin ich allerdings nicht hinausgekommen. Stattdessen nahm ich an einem italienischen Sprachkurs teil, der von einem Propaganda-Professor aus Italien gehalten wurde. Auf diese Weise wurde ich in zwei Sprachen perfekt. Im Englischen war es schon lange der Fall, und ich muss sagen, diese beiden Sprachen retteten mir später im Zweiten Weltkrieg das Leben.
Nach dem NS-Lehrgang, den ich im Sommer 1936 mit geschlossenen Ohren absolvierte, durfte ich meinem Berliner Lehrer nach Dorpat folgen. Der Weg führte über Litauen und Lettland. Als ich über die Grenze nördlich der Memel fuhr, entdeckte ich ein völlig anderes Land. In Ostpreußen war alles gepflegt, in Litauen dagegen war alles naturbelassen oder verwildert. Besonderes Interesse hatte ich an der litauischen Sprache, die stark mit dem Griechischen verwandt ist. Mit fiel auch auf, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer dort geschminkt waren. Sogar die Schaffner und Beamten traten in der für mich unbekannten Aufmachung auf. Die Gastfreundlichkeit des Landes verblüffte mich fast.
In Riga in Lettland dagegen durfte man schon kein einziges Wort in deutscher Sprache sagen. Der Diktator Ulmanis hatte es verboten. Nicht nur deshalb gefiel mir in Riga, das man als Paris des Ostens bezeichnete, gar nicht gut, wenn ich von den vielen interessanten Baudenkmälern aus der Zeit der Hanse absehe. Aus einem Land, in dem man nur eingeschränkt leben konnte, wollte ich ja gerade heraus.
Im Gegensatz zu Lettland und zu meinem Heimatland erschien mir Estland wie eine Insel der Freiheit und des Friedens. In den von Diktatoren regierten Staaten gab es so viele Verbote und Einschränkungen der Freiheit, die das Leben nicht nur der Studenten schwer machten. In der Estnischen Republik herrschte völlige Redefreiheit und auch die Freiheit der Forschung. Daher konnten meine Professor und ich unseren Neigungen nachgehen und uns weiterhin der verbotenen Psychoanalyse widmen.
Aus England und Amerika erreichten uns interessante Forschungsergebnisse, die zu lesen und auszuwerten für mich als Kenner der englischen Sprache ein Vergnügen waren. Nebenbei betrieb ich am Luther-Institut weiterhin orthodoxe Theologie.


Universität Dorpat   
Universität Dorpat

In der Universität war Deutsch die Umgangssprache, obwohl es sich um eine estnische Staatsuniversität handelte. Ülikooli (=Oberschule) war der offizielle Name der Gustav-Adolf-Universität. Sie war, wie schon der Name sagt, von dem schwedischen König Gustav Adolf gegründet worden, der mit seinen Feldzügen in Deutschland die evangelisch-lutherische Kirche gerettet hatte. Seit meiner Zeit in Dorpat bin ich Mitglied des Gustav-Adolf-Vereins, der später zu Gustav-Adolf-Werk umbenannt wurde. Bis heute bin ich dessen Ehrenmitglied.
Dieser hervorragenden Bildungsstätte verdanke ich viel, jedenfalls mehr als den deutschen Universitäten, die ich besucht habe. Außer der Freiheit in der Forschung und in der Rede lernte ich den Frieden zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft kennen. Dorpat wird auf Estnisch „Tartu“ und auf Russisch „Jurjev“ genannt. Niemand nahm Anstoß an den verschiedenen Bezeichnungen der Stadt. Auch die Hauptstadt Reval heißt auf Estnisch Tallin. In diesem Land konnte jeder nach seiner Facon leben und selig werden. Auseinandersetzungen zwischen den drei verschiedenen Völkern gab es nicht. Die Deutschen, Balten genannt, bildeten die Oberschicht. Die Esten waren das Staatsvolk und die Russen wurden geduldet und in Frieden gelassen, soweit sie nur in Estland wohnten. Sogar die Juden genossen dort hohes Ansehen. Man sieht sie, im Gegensatz zu Deutschland, für besonders ehrlich, redlich und anständig. Als Handelsleute waren sie einfach unentbehrlich.
Deutsche und Esten vertrugen sich gut. Ich wohnte bei der Pröbstin Aunwert, die einen Esten geheiratet hatte. Die Esten sind Südfinnen und sprechen eine finnisch-ugrische Sprache, die völlig verschieden vom Indogermanischen ist. Ücks, Kacks, Kolm – eins, zwei, drei – heißt es auf estnisch. Alle Einwohner der Republik kannten die Sprachen der anderen Bevölkerungsteile und so gab es niemanden, der nicht Estnisch, Russisch und Deutsch konnte.
Auf einer Fahrt zwischen den Semestern vom Stettiner Bahnhof in Berlin über Warschau, Bialystok, Litauen und Riga nach Dorpat saß ich in einem Abteil mit mehreren Juden. Es war gerade Sabbath und ich wunderte mich, dass alle Mitreisende ein Gefäß mit Wasser unter ihren Sitzen hatten. Auf meine Fragen antworteten sie, dass sie eine Seereise machten. Am Sabbath sind Reisen, ausgenommen solchen, die über die See gehen, nicht erlaubt. Meine Mitreisenden machten also von Warschau nach Bialystok eine Seereise und hielten sich somit an die Vorschriften.
In Warschau bemerkte ich, dass vor allem in der Uliza Jerumskaja – im jüdischen Viertel – mehrere Häuser mit einem Draht verbunden waren. Das geschah angeblich deswegen, damit sich die Bewohner verschiedener Häuser besuchen konnten. Die durch den Draht verbundenen Häuser galten nun als ein Haus. Nur der Weg zur Synagoge war den Gläubigen am Feiertag erlaubt.
Meine Seefahrenden, mit denen ich ins Gespräch gekommen war, staunten über meine Kenntnisse in der hebräischen Sprache.
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüst und leer:
Bereschiet bará Elohim ha ares et ha Schamajim. Et ha ares haja tohu wabohu.
Oder im 23. Psalm heißt es:
Der Herr ist mein Hirte, mir wird an nichts mangeln.
Elohi roi lo echzor.
Weil ich solche alttestamentarischen Bibelstellen auswendig wusste, weil ich Hebräisch lesen und sprechen konnte, behandelten sie mich wie ein Wunderkind und erwiesen mir ganz unverdient Hochachtung auf dieser weiten Reise, auf der sie rührend um meine Bequemlichkeit besorgt waren.
Groß war die Angst aller Bewohner Estlands vor Sowjet-Russland. Das merkte ich besonders in der schönen Stadt Narva an der Narowa, die vom Peipus-See in den Bottnischen Meerbusen fließt. Dort wohnte ich mehrere Tage bei einem Arzt. Ich konnte bis zur Grenze nach Russland gehen, die durch einen Stacheldraht gekennzeichnet war. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich eine solche Grenzziehung. Man konnte ein Stück weit in das russische Gebiet sehen. Dort befand sich ein kleines Bahnwärterhaus. Ich staunte über das gepflegte Anwesen mit seinem schönen Garten, weil ich glaubte, dass es in Russland keine schöneren Wohnungen gäbe. Von der Mündung der Narowa nach Westen befand sich in geregelten Abständen eine Villa nach der anderen, in denen die Bewohner von Petersburg ihre Sommerferien verbracht hatten. Jetzt standen sie meist leer.
Das Wasser war dort im Sommer überraschenderweise recht warm. In Estland kommt der Frühling erst spät, woraufhin sich die Natur dann aber innerhalb weniger Tage explosionsartig entwickelt und es schnell sehr heiß wird. Die Sonne geht fast gar nicht unter und bei dem Kontinentalwetter gibt es kaum Wolken oder gar Regen. Bei dieser dauernden Helligkeit bekam ich ein eigenartiges Gefühl. Ich ließ mir von den Pastoren sagen, dass in dieser Zeit die meisten Selbstmorde vorkamen. Meine Reise an der Meeresküste führte mich auch auf die Insel Oesel, von der ich noch immer ein Bild in meinem Arbeitszimmer habe. Dort ist mein Urgroßvater, der Kapitän war, mit seinem Schiff in den Untiefen vor der Insel auf der Fahrt nach St. Petersburg ums Leben gekommen, ertrunken.
Doch meine Wanderungen führten mich auch in das Innere des Landes. Von Dorpat am Embach, der in den Peipus-See mündet, fuhr ich mit einer Gruppe von Studenten ostwärts nach Petschuri, wo sich ein großes russisches Kloster befand. Wir wurden dort wie Staatsgäste aufgenommen. Die Mönche machten einen sehr gebildeten Eindruck. Trotz aller Tradition hatte auch die Moderne in dem berühmten Kloster ihren Einzug gehalten. Das bewies mir unter anderem das laute Klappern der Schreibmaschinen. Das ist ein Geräusch, das man in einem weltabgeschiedenen Kloster wirklich nicht erwartet. Die Russen in Estland zeichneten sich durch eine tiefe Frömmigkeit aus. Aber sie hatten Angst, dass eines Tages die Kommunisten kommen und alles zerstören würden. Das ist ihnen dann später mit Hilfe des deutschen Führers Adolf Hitler auch gelungen, als er einen Freundschaftspakt mit der Sowjetunion schloss, um dann wieder nach einiger Zeit den Bündnispartner anzugreifen. Doch das lag damals noch in weiter Ferne, In Estland konnten wir uns wirklich wohl fühlen.


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Blick auf Dorpat mit Johanniskirche  
 
Wir konnten uns fast alles leisten. Unser Geld hatte so viel Wert, dass wir uns keinen Wunsch versagen mussten. So trank ich jeden Nachmittag festlich meinen Kaffee in froher Runde im Ateen. Ich ärgerte mich nur über die estnische Schreibweise der griechischen Hauptstadt Athen.
Mehrmals in der Woche besuchte ich eine der zahlreichen Saunen. In Dorpat lernte ich die finnische Sauna kennen und schätzen. Nie bin ich dort krank gewesen.
Ich weiß gar nicht, wie ich mein umfangreiches Tagespensum erledigen konnte. In erster Linie standen natürlich die Studien. Dazu kamen die vielfältigen Unterhaltungen und Fahrten. Vielleicht kann ich es so sagen: Ich wusste, dass meine Zeit dort begrenzt war und dass ich wieder zurück in diesen furchtbaren Staat, ins Dritte Reich, musste. Das machte mich aktiv und ich verrichtete alles so intensiv wie möglich.
Interessant war das Kino. Die Filme hatten meist einen unterlegten Text in deutscher oder estnischer Sprache, ob es sich um englische, amerikanische, französische oder italienische Filme handelte. Der Kinobesuch und auch das Studium gaben mir das Gefühl, mitten im Weltgeschehen zu stehen. Das ist um so verwunderlicher, weil Estland nur ein kleines abgelegenes Land ist. Die Impulse kamen meist aus Finnland.
Wenn ich mir die Esten ansah, musste ich oft das Gequatsche von der „nordischen Rasse“ in Deutschland denken. Fast alle waren blond, schlank und hochgewachsen. Wie das bei dem finnischen Ursprung möglich war, ist mir ein Rätsel geblieben. Manche Rassenforscher behaupteten, es läge an der jus primae noctis, an dem Recht der ersten Nacht, durch die das erste Kind vor der Verheiratung von einem deutsch-baltischen Grundbesitzer kam. Doch ich bezweifle diese Theorie sehr; denn sowohl die Deutsch-Balten als auch die Esten benahmen sich in meiner Zeit durchaus anständig.
Wir waren sowohl bei Deutschen, als auch bei Esten gern gesehene Gäste und wurden immer wieder in die Familien eingeladen. In allen Landesteilen musste ich diese gesellschaftlichen Verpflichtungen erfüllen.
In Reval-Talinn konnte ich mich richtig daheim fühlen, wie früher in Lübeck und Stralsund. Die Altstadt war noch aus der Zeit der Hanse geprägt mit ihren Kirchen und Häusern.
Diese schönste Zeit meines Lebens musste plötzlich nach zwei Semestern vorbei sein. Ich musste Abschied nehmen von Estland. Mit dem Schiff fuhr ich von Reval nach Swienemünde und Stettin. Es war eine unvergleichlich schöne Fahrt. Ich lernte dabei den Grafen von Maltzan kennen, der Botschafter in Helsingfors war und aus der Heimat meines Vaters, aus Penzlin, stammte. Wir haben uns als Nachgeborene unserer Vorfahren prächtig unterhalten.
Meine Eltern freuten sich sehr über meine scheinbar endgültige Rückkehr nach Deutschland. Diese Freude wurde dadurch vermehrt, dass ich viele Lebensmittel – wie übrigens schon bei den früheren Besuchen – mitbrachte, die es in Deutschland nicht mehr gab oder die streng rationiert waren und nur auf Lebensmittelkarten in kleinen Mengen erhältlich waren. Der Zweite unglückselige Weltkrieg kündigte sich bereits mit all seinen Entbehrungen an.
Es gelang mir noch, in meiner Heimat-Universität Greifswald meine letzten Semester zu absolvieren und die erste theologische Prüfung als bester meines Jahrgangs zu machen. Mein Vater drängte mich dazu, endlich den Abschluss meines Studiums zu machen, während ich gern noch meinen theologischen Doktor gemacht hätte, wofür ich schon mit den Vorarbeiten begonnen hatte. Nur noch ein oder zwei Semester hätte ich dafür gebraucht, doch das war meinen Eltern in dieser Zeit zu kostspielig. Obgleich ich eigentlich Professor werden wollte, wurde ich nun Pastor und bin damit bis heute zufrieden. Es ist nur schade um all die Erkenntnisse und Erfahrungen, die ich auf all den Universitäten gemacht habe. Es sind nun einmal einem jeden
Menschen Grenzen gesetzt. Manchmal tröste ich mich mit den Worten meines Vaters: „Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens.“
Erkenntnisse und Erfahrungen habe ich allerdings doch und habe immer danach auf meine Weise zu leben versucht. Meine Zeit in Estland hat mir gezeigt, was Frieden ist. Meine Zeit auf Erden hat mir aber auch Gegenteiliges gezeigt und mir eingebläut, dass wir für die Demokratie immer wieder wach durch das Leben gehen müssen, immer mit dem Glauben an eine gute Zukunft. Auch wenn wir nichts wollen, werden wir eines Tages die Quittung dafür bekommen. Diese müssen wir aber wenigstens lesen und vor allem verstehen.
Ich wundere mich immer noch über die Menschen, die gerade jetzt so wenig wie schon häufiger in der Geschichte zu begreifen scheinen, dass wir alle Menschenkinder sind.
 
Kurt Segebrecht
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