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Domchorreise nach Estland


Wie kommt man mit einem Chor (40 Leute) am besten nach Estland? Da bieten sich verschiedene Möglichkeiten an, die wir sorgsam gegeneinander abgewogen haben: Mit der Finnjet von Rostock bis Tallin, mit Bus und Fähre über Schweden und Finnland oder mit dem Flugzeug von Hamburg direkt nach Tallin. Sich hier zu entscheiden – das ist nicht nur eine Preis-, sondern auch eine Zeitfrage. Schließlich sind wir doch geflogen und waren froh, dass alles Hin und Her gut geklappt hat.
Am 27. Juni 2003 morgens um 9 Uhr brachen wir in Schleswig auf und waren nachmittags um 16 Uhr zu einer Stadtrundfahrt bereits in Tallin. Neben dem alten, malerischen Stadtbild mit Dom und Kathedrale, mit „Dickem Herrmann“ und „Kiek in de Köök“ war das riesige Sängerfeld mit der überdimensionalen Konzertmuschel besonders beeindruckend. Als Domchor haben wir schon viele große Konzerte erlebt, aber die Gesangsprobe an dieser Stelle war einfach super.
Abends kamen wir in unserem Zielort Pärnu an und wurden von Propst Andres Pöder und seinen Mitarbeitern herzlich empfangen. Seit 12 Jahren gibt es die Partnerschaft zwischen dem Kirchenkreis Schleswig und der Propstei Pärnu und in dem Rahmen zwischen der Domgemeinde Schleswig und der Elisabethgemeinde Pärnu. Verschiedene Gruppen der dortigen Gemeinde sind schon bei uns zu Gast gewesen und umgekehrt. So wissen wir inzwischen viel von einander und begegnen uns wie Freunde. Dass es Musikanten mit den Kontakten leichter haben als andere, haben wir auch bei dieser Begegnung wieder gemerkt.
Für die meisten Mitreisenden war es der erste Aufenthalt in Estland und somit auch in der Hafen- und Kurstadt Pärnu. Wir hatten uns zu Hause mit wichtigen Informationen über die Geschichte des Landes und der Stadt, über Probleme und Schönheiten sowie mit einem Sprach-Kurz-Kurs bereits ein wenig vorbereitet. Das half zum besseren Verstehen vor Ort. Bei dem Stadtrundgang begegneten uns manche Zeugnisse von deutschem Einfluss, natürlich auch Reste aus der „russischen Zeit“ und die Gedenkstätte zur Erinnerung an den Untergang der „Estonia“.
In der über 250 Jahre alten, großen Elisabethkirche, der einzigen evangelischen Kirche in einer Stadt von 50.000 Einwohnern mit ca. 5.000 Gemeindegliedern, hatten wir unsere erste Probe. Unser Domkantor hatte ein abwechslungsreiches Programm mit unterschiedlichen Besetzungen und auch mit einigen estnischen Stücken zusammengestellt. Unsere Vorfreude auf unsere verschiedenen Auftritte wuchs.


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Chorprobe  

 Zur Freude und zur Erholung trugen die wunderbaren Stunden am schönen Strand bei. Erfrischend war das Bad in der offenen „Ostsee“. Dabei erinnerte ich mich daran, dass vor einigen Jahren eine Gruppe Jugendlicher von Schleswig direkt nach Pärnu und zurück gesegelt war. Pärnu hat seine Rolle als Kur- und Erholungsort zurückgewonnen. Dazu tragen auch die zahlreichen gepflegten Parks, die Museen, Ausstellungen und Sehenswürdigkeiten in der Stadt bei. Diese positive Außenansicht kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nach wie vor viel Armut in der Stadt und besonders auf dem Land gibt und dass besonders die Kirche einen schweren Stand hat.
Von den Problemen, aber besonders auch von den guten Möglichkeiten und von gemeinsamen Erinnerungen war bei dem geselligen „Abend der Begegnung“ im Kirchsaal die Rede. Es wurde viel gesungen und erzählt, vorgestellt und ausgetauscht. Von solchen Begegnungen, die dem Kennenlernen und dem Auffrischen von Bekanntschaften dienen, halte ich sehr viel. Hier kommt besonders gut und lebendig zum Ausdruck, was uns verbindet und was wir von einander lernen können. Unsere estnischen Gastgeber haben sich besonders viel Mühe mit der Beiwirtung gegeben. Der Vorrat an Süßem war schier unerschöpflich.
Der Höhepunkt unserer Reise war zweifellos der gemeinsame musikalische Festgottesdienst in der voll besetzten Elisabethkirche am Sonntagmorgen. Das hat auch die Gemeinde als besonderes Ereignis erlebt. Es gab manches fröhliche Wiedersehen mit Bekannten und Freunden von früheren Besuchen beim anschließenden Kirchenkaffee. Im abendlichen Kirchenkonzert konnten wir zeigen, was wir musikalisch vorbereitet hatten. Unser mitgereistes Jugendlichen-Quartett kam besonders gut an und natürlich auch unsere mühsam einstudierten estnischen Chorsätze.

Sightseeing
 Sightseeing

Am folgenden Tag waren wir mit demselben Programm in einer benachbarten Landgemeinde, in Pärnu-Jakobi, zu Gast. Auch hier wurden wir herzlich empfangen und als großer Kirchenchor aus Deutschland dankbar begrüßt. Während des anschließenden Beisammenseins mit dem Ortspastor und anderen Gemeindegliedern zeigte sich, wie schwer die kirchliche Arbeit auf dem Lande doch ist, wenn nur etwa 10 % der Bevölkerung zur Gemeinde gehören und die finanziellen Möglichkeiten nur sehr begrenzt sind.
In eine ganz andere Welt kamen wir, als wir am nächsten Morgen das neue, moderne Konzerthaus in Pärnu besichtigten. Die Leiterin des kirchlichen Kinderchores ist hier die Managerin und führte uns durch das großzügig konzipierte Haus. Wir kamen aus dem Staunen gar nicht heraus und erlebten hier als Kontrast das ganz andere Estland, das sich auf die EU einstellt und ein Bild von Wohlstand zeigt.
Ein schöner Abschluss unserer Estlandreise war der Besuch in Uulu, einem Jugendlager, das der Elisabethgemeinde gehört, und dessen Aufbau unsere Domgemeinde seit einigen Jahren mit finanziert hat. Hier, mitten im Wald und nicht weit vom Meer, begann gerade eine Kinderfreizeit mit über 40 Teilnehmern . Die Jungen und Mädchen waren dabei, sich in der Vorfreude auf zwei gemeinsame Wochen in den 10 Hütten einzurichten. Für die meisten ist es die erste Begegnung mit Kirche und christlichem Glauben und mit dem Leben in solch einer großen Gemeinschaft außerhalb der Schule. Hier geschieht also eine ganz wichtige Arbeit, die zukunftsweisend ist, und von der wir uns sicher auch einige Scheiben abschneiden können.
Am Abreisetag saßen wir noch um 7 Uhr im kirchlichen Hostel beim Frühstück und waren nach Bustransfers und Flug bereits um 14 Uhr wieder zu Hause in Schleswig. So weit ist es also zwischen unseren beiden Ländern doch nicht. Und es war gut, dass wir geflogen sind. So hatten wir mehr Zeit in dem Land, das für die meisten von uns Neuland war, aber nun viel vertrauter geworden ist. Auch ein Zuschuss des Gustav-Adolf-Werks (Landesgruppe Schleswig-Holstein) hat uns diese Reise und Begegnung ermöglicht , und ich sage dafür herzlichen Dank.
 
Johannes Pfeifer, Dompastor in Schleswig
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