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Studienfahrten nach Lettland und Prag


Seit vielen Jahren fördern wir als Gustav-Adolf-Werk die Abschlussreise der Vikare und Vikarinnen, sofern ihre Reise sie in ein Land führt, mit deren Kirche wir   in einer
Partnerschaft verbunden sind.
In gleicher Weise unterstützen wir als GAW Nordkirche die Studienfahrten der Theologiestudenten der Leipziger Fakultät. In diesem Jahr nahmen  unter der Leitung unseres Generalsekretärs Enno Haaks  19 junge Frauen und Männer an einer mehrtägigen Fahrt nach Prag teil.

Nachfolgend die beiden Berichte aus Lettland und Prag.



Studienfahrt nach Prag

Gegen Vorurteile und Hass
Evangelische Kirche in Tschechien stemmt sich gegen gesellschaftliche Stimmungsmache
Von Enno Haaks

„Das erste, was ich in meinem Theologiestudium gelernt habe, ist, dass Theologie das Aufräumen mit Vorurteilen ist“, erzählte Synodalsenior Pfarrer Daniel Ženatý von der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) in der Tschechischen Republik den 19 deutschen Theologiestudierenden, die in Begleitung des GAW-Generalsekretärs Enno Haaks Ende Februar 2017 Prag besuchten. Mit diesem Satz weckte er die Neugier der jungen Theologen, die aus dem ganzen Bundesgebiet angereist waren, um diese tschechische Kirche mit ihrer spannenden Geschichte und Gegenwart kennenzulernen. „Vorurteile gibt es viele – insbesondere gegenüber Minderheiten wie den Roma oder aktuell gegenüber den Flüchtlingen“, berichtete Ženatý.

Schwieriger Umgang mit Minderheiten
Als der katholische Kardinal des Landes in einer Diskussionsrunde über die Flüchtlingssituation in Europa der deutschen Kanzlerin falsches Handeln vorwarf, brach Ženatý eine Lanze für Angela Merkel und solidarisierte sich mit ihrem Spruch „Wir schaffen das!“ Das sei nach christlichem Verständnis ein Spruch der Hoffnung aus dem Glauben heraus, der Vorurteilen und Vorverurteilungen etwas entgegensetzt. „Der Versuch, uns von Flüchtlingen abzuschotten und uns deren Not vom Leibe zu halten, wäre ethisch nicht zu rechtfertigen“, so Ženatý. Zahlreiche Hassmails hat er nach seinem Statement erhalten, doch weder er noch die Kirchenleitung der EKBB haben sich davon beirren lassen. „Wir müssen zu unserem Glauben stehen, zu dem klare Werte gehören. Wie human eine Gesellschaft ist, zeigt sich letztlich am Umgang mit Minderheiten.“ Die tschechische Gesellschaft macht es den Minderheiten nicht leicht.
Es gibt in gewissen Gesellschaftsschichten starke homo- und xenophobe Tendenzen, die durch manche Politiker noch verstärkt werden. Einen der Gründe vermutet Daniel Ženatý in der weit vorangeschrittenen Säkularisierung des Landes: „Kaum ein Land in Europa ist so säkularisiert wie die Tschechische Republik.“ Die Entwicklungen, die dazu geführt haben, sind vielschichtig und reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Vermutlich spielte die erbarmungslose Gegenreformation eine Rolle: „Die Evangelischen wurden damals vor die Wahl gestellt, entweder zu emigrieren oder die katholische Religion anzunehmen.
Der evangelische Glaube wurde entweder im Geheimen weitergelebt oder man emigrierte innerlich. Der Glaube entfremdete sich von der kirchlichen Institution.“ Im 20. Jahrhundert habe der Kommunismus dann zusätzlich die Verdrängung des Glaubens ins Private befördert. „Wie in einem Laboratorium lässt sich bei uns beobachten, was es heißt, wenn die Religion aus dem öffentlichen Raum verschwindet und immer weniger Menschen sich zu einem Glauben bekennen. Christliche Werte werden kaum mehr mit Leben gefüllt. Ein Beispiel ist die Haltung zu Fremden und Flüchtlingen. Obwohl es in Tschechien kaum Flüchtlinge gibt, ist eine Mehrheit der Bevölkerung voller Vorurteile ihnen gegenüber.“

Pfarramt für humanitäre Aktivitäten
Eine Besonderheit der EKBB, welche die deutschen Studierenden beeindruckte, ist die Stelle des gesamtkirchlichen Pfarrers für humanitäre Aktivitäten, Minderheiten und sozial Ausgegrenzte. Pfarrer Mikuláš Vym?tal übt seit zwei Jahren diesen Dienst mit einer halben Stelle aus. Wie der Synodalsenior Ženatý ist auch Vym?tal überzeugt, dass Kirche aus dem Glauben heraus Abschottung, Angst und Hass etwas entgegensetzen muss. Schon als Jugendpfarrer organisierte Vym?tal mit Gleichgesinnten einen Gottesdienst als Blockade gegen die Extremisten aus der Partei „Sociální spravedlnost“. Damals – im Jahr 2011 – gab es heftige Auseinandersetzungen und Angriffe gegen Roma. Die Polizei ging sehr brutal vor. „In dieser Zeit wurden in Nordböhmen Märsche gegen Roma organisiert. Da habe ich angefangen, mit Aktivisten, die schon länger auf der Seite der Roma standen, zusammenzuarbeiten. Wir mussten dem Hass etwas entgegensetzen“, berichtet Pfarrer Vym?tal. Ab 2013 habe sich der schwer fassbare Hass der Gesellschaft gegen die Muslime und danach gegen Flüchtlinge im Allgemeinen gewendet. „In Zusammenarbeit mit Roma-Freunden, aber auch Menschen aus der Kirche fingen wir an, in verschiedenen Städten Versammlungen für ein friedliches Miteinander zu veranstalten. Schnell haben sich dem viele Muslime angeschlossen. Diese Versammlungen ermöglichten es ihnen, öffentlich zur eigenen Verteidigung aufzutreten.“
In Tschechien gibt es wenig Flüchtlinge. Die meisten sind in Sammelunterkünften untergebracht, manche versuchen, sich unauffällig zu integrieren. Ein Teil der Gesellschaft, unterstützt durch manche Politiker, zeigt sich sehr aggressiv in Bezug auf Flüchtlinge. „Ich denke, dass sich Christen darauf konzentrieren sollten, den paar Tausend Flüchtlingen zu helfen, die wir aufzunehmen versprochen haben. Zugleich sollten sie sich bemühen, in der Gesellschaft eine freundliche Atmosphäre zu schaffen, damit das Leben hier überhaupt möglich ist“, betont Pfarrer Vym?tal. Seine Erfahrungen, als evangelische Kirche auf Seiten der Schwachen, der Minderheiten und der Ausgegrenzten zu stehen, sind bewegend.
Für die EKBB ist es auch aufgrund der eigenen Geschichte wichtig, gegen Vorurteile zu kämpfen. Bis zum Erlass des Toleranzpatents durch Kaiser Joseph II im Jahre 1781 durften die Evangelischen keine Kirchen bauen. Auch nach dem Toleranzpatent ging es oft nur gegen viele Widerstände der Obrigkeit. Die Toleranzkirchengemeinde in Libiš nördlich von Prag konnte sich ein Toleranzbethaus erkämpfen und 1792 weihen. Heute gehören der evangelischen Gemeinde ca. 200 Mitglieder an. Solche noch bestehenden Toleranzkirchen sind Denkmäler und zugleich eine Verpflichtung, Toleranz und Solidarität aus dem Glauben heraus zu leben.

Eine Kirche, von der man lernen kann
Für die meisten deutschen Theologiestudierenden war es die erste Begegnung mit der EKBB. „Ich habe zum ersten Mal von der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder gehört. Beeindruckend ist es, wie sehr sich eine kleine Diasporakirche mit 80.000 Mitgliedern in dieser stark säkularisierten Gesellschaft in die Gesellschaft einbringt“, sagt Rahel Höpner, Studierende im 1. Semester aus der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Ebenso wichtig war für sie die Begegnung mit jungen Theologiestudierenden der Theologischen Fakultät der Prager Karls-Universität: „Das Kennlernen
der Kirche wurde dadurch noch einmal sehr persönlich.“
Philipp Kurowski aus Vorpommern ergänzt: „Den ‚Geist‘ dieser Kirche mitzuerleben, war für mich ein Highlight. Trotz der Minderheitensituation kümmert sich die Kirche nicht nur um sich selbst. Sie scheint tolerant und offen zu sein und verliert nicht den Blick für die Aufgaben und Herausforderungen in der tschechischen Gesellschaft.“
Für Giulia Aman aus Kiel waren die unterschiedlichen Antworten auf die gesellschaftlichen Herausforderungen lehrreich: „Wir als Schwestern und Brüder im Glauben sollten ihnen beistehen, damit sie ihre Tradition bewahren und ihren Glauben frei leben können. Dazu gehört nicht nur, finanziell behilflich zu sein, sondern auch Kontakt zu halten, sich auszutauschen, ihnen mit Respekt und Freundschaft zu begegnen. Ich hoffe, dass ich, wenn ich einmal Pfarrerin bin, die Möglichkeit habe, dies auszuleben.“
Nur Begegnung schafft Bewusstsein und hilft dabei, Vorurteile abzubauen.

(evangelisch weltweit 2/2017)



Bilder von der Studienreise nach Prag

  • Grupenbild der Teilnehmer
  • Pfarrer Mikuláš Vymětal
  • Synodalsenior Pfarrer Daniel Ženatý